Der beste Film der Berlinale: ÜBER DIE JAHRE

Gestern habe ich den besten Film der Berlinale gesehen: ÜBER DIE JAHRE von Nikolaus Geyrhalter ist 3 1/2 Stunden lang, gnadenlos langsam und keine Sekunde langweilig. Nachdem sehr gemächliche Titel einen sanft auf ein anderes Zeituniversum vorbereitet haben, taucht man ein in die Welt einer Textilfabrik, die so und zwar exakt so schon vor 50 oder sogar 70 Jahren betrieben worden sein könnte. Einsame Arbeiter verschieben in riesigen, schäbigen Hallen, in denen einst Hunderte gearbeitet haben, große Walzen mit Stoff, bespannen Webstühle in Handarbeit, verpacken einzelne Stoffwindeln und kleben jedes einzelne Päckchen mit Tesafilm zu. In der Buchhaltung überträgt eine Frau Zahlen per Hand und Linial von einer Liste in die andere. Kein Computer weit und breit. Man wundert sich, dass im Jahr 2004 eine solche, wie aus der Zeit gefallene Firma überhaupt noch existiert. Sie tut es auch nicht lange, die Schließung der Textilfabrik im österreichischen Waldstätten steht unmittelbar bevor. Zehn Jahre lang hat Nikolaus Geyrhalter die Angestellten der Firma nach der Schließung immer wieder besucht. Hat sie nach ihren Lebensumständen befragt, nach ihren mehr und weniger erfolgreichen Versuchen, einen neuen Job zu finden und danach, wie sie ihren Tag füllen. Ganz einfache Fragen. Waren die letzten Jahre eine gute oder eine schlechte Zeit für Dich? Wie sieht ein ganz normaler Tag für dich aus? Die Antworten sind immer interessant, oft rührend, manchmal lustig, meist von einer entwaffnenden Nüchternheit. Ich stehe auf, gehe zur Arbeit, um zwei Uhr ist Schluss, dann Fernsehen.

Geyrhalter sucht nicht nach dem Außergewöhnlichen oder dem Drama, auch wenn auch das im Leben seiner Protagonistinnen und Protagonisten vorkommt, stattdessen erzählt sein Film vom Alltag, von Wiederholungen des Immergleichen, die am Ende ein Leben genauso ausmachen wie die großen Zäsuren. Die Zeit vergeht weiter solange man lebendig ist. Umstände ändern sich, vieles bleibt. Arbeitslosigkeit ist nicht das Ende, sondern eher eine Delle im Lauf des Lebens. Einige der Textilarbeiter finden einen neuen Job, andere kümmern sich um Enkel oder Eltern. Eine Frau zieht die lernbehinderten Kinder ihres Sohnes groß. Als das Geld zu knapp wird, sammelt ihr Sohn Blechdosen aus Mülltonnen für den Altmetallhändler. Eine andere Frau beginnt, Tupperparties zu veranstalten, bevor sie, wie so viele in der Gegend, einen Job im Steinbruch bekommt. Der Herr Semper sortiert seine 800 CDs nach Titel und Autoren. Die Zähigkeit, mit der sich die Protagonisten behaupten, ringt einem Bewunderung ab. Sie halten ihr Leben und das anderer Leute zusammen, schaffen sich Routinen und suchen sich Aufgaben und sind eigentlich, ob angestellt oder nicht, alle Arbeitende, Tätige. Im Publikumsgespräch nach dem Film hat jemand von ÜBER DIE JAHRE als einem „Schatz“ gesprochen. Das trifft es ganz gut. Die lange Zeit die Geyhalter sich für sein Projekt genommen hat, die Geduld und die Liebe zu seinen Protagonisten ist in das Filmmaterial eingeschlossen, wie eine Fliege in einen Bernstein.

Hendrike Bake

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