Berlinale Special – SELMA

SELMASELMA ist ein Film mit größerem gesellschaftlichem Gewicht als nahezu alle anderen Produktionen des letzten Jahres. Ein Martin-Luther-King-Biopic ist natürlich auch ein Ausdruck des Selbstverständnisses der afroamerikanischen Community und ein Aufruf an weiße Amerikaner, die Forderungen der schwarzen Amerikaner zu hören und sich zu solidarisieren. SELMA ist nicht nur Unterhaltung, sondern ein Filmprojekt, das direkt darauf abzielt, in den Bildungskanon aufgenommen zu werden. SELMA ist also mehr als ein Biopic. SELMA erzählt von einer der gewalttätigsten Episoden der gewaltlosen schwarzen Bürgerrechtsbewegung und sucht nach Gründen für die beinahe übermenschliche Widerstandskraft seiner Protagonisten. Der Film beginnt mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an Martin Luther King 1964. In Kings Nobelpreisrede wird eine Szene des Bombenattentats auf die 13th Street Baptist Church in Birmingham, Alabama, ein Jahr zuvor, eingeblendet. Mädchen in Sonntagskleidern steigen eine Treppe in der Kirche herunter und unterhalten sich über Frisuren, als die Bombe sie zerfetzt. Staub, Schutt und Leichen bleiben zurück. Im Umfeld fast jeder Demonstration der Bürgerrechtler kommen Unterstützer ums Leben, Demonstranten werden geschlagen und erschossen. Die Täter kommen immer ungeschoren davon, weil nur registrierte Wähler in den Jurys der Gerichte sitzen dürfen. Die Demonstrationen richten sich gerade gegen die Hindernisse, die schwarzen Bürgern in den Weg gestellt werden, wenn sie sich zur Wahl registrieren lassen müssen.

SELMASELMA zeigt wie es King gelingen konnte, die Bewegung auch angesichts solch massiver, mörderischer Angriffe gewaltfrei zu halten. Einerseits sind die strategischen Gründe überzeugend: der Konflikt ist mit Waffengewalt nicht zu gewinnen. Emotionale Stärke gewinnt die Bürgerbewegung aber aus der Religion. SELMA betont nicht nur den tiefen Glauben Kings und seiner direkten Anhänger, sondern stellt auch heraus, dass seine ersten und wichtigsten weißen Verbündeten Kleriker waren. Ob das ein Fakt ist oder nicht, ist nicht entscheidend – offenbar wurde mit der Rolle Lyndon B. Johnsons in der Angelegenheit relativ frei umgegangen. Der Akzent auf den tiefen christlichen Glauben ist eine strategische Entscheidung des Films, der sich damit auch an die religiöse Rechte in den USA wendet und sie beim Schlafittchen packen will.

Natürlich setzt der Film Markierungen, die auf die gegenwärtigen Konflikte in den USA verweisen. Ein Rapsong am Ende enthält die Zeile „we march through Ferguson with our hands in the air“ und verweist auf die Erschießung des unbewaffneten Teenagers Michael Brown durch einen weißen Polizisten. Der rassistische Gouverneur von Alabama weigert sich, den schwarzen Bürgern das Wahlrecht in der Praxis zuzugestehen, mit dem Argument, dann würden sie als nächstes Weißen die Arbeit wegnehmen und dann irgendwann Geld ohne Arbeit verlangen. Da verbinden sich Rassismus mit Attacken gegen den Wohlfahrtsstaat im Sinne der Tea Party.

SELMA ist ein wichtiger Film, essentiell, wenn man den innenpolitischen Debatten in den USA und ihren kulturellen Hintergründen folgen will. Das Ausmaß der rassistischen Gewalt, das SELMA zeigt, ist immer noch schockierend, der Film bewegt. David Oyelewo besitzt eine solche Präsenz als Martin Luther King, dass man beinahe vergisst, dass der Film wegen eines Rechtsstreits keine Originalzitate und –reden von King enthält, und sich permanent mit Rephrasierungen um die berühmten Worte herummogeln muss. Ava Duvernay inszeniert mit Gespür für emotionales Timing, wobei der Film die kolossale Last, die auf ihm selbst und seinen Protagonisten ruht, nicht immer abschütteln kann. Das Verhängnis und die Trauer lasten auf jeder Einstellung. Vielleicht müssen sie das. In einer Debatte mit lokalen Aktivisten, die Demonstrationen in Selma für zu gefährlich halten, erklärt King, dass die Bewegung nur gewinnen könne, wenn sie auch die weißen Wohnzimmer erreiche, jeden Abend im Fernsehen. „That requires drama“, sagt King. Davon gibt es in SELMA reichlich.

Tom Dorow

Share This: