Als wir träumten

Nach HALT AUF FREIER STRECKE, Andreas Dresens schwer aushaltbarem Film über einen Familienvater (Milan Peschel), der die Diagnose „Hirntumor“ erhält und stirbt, habe ich mit einer Freundin über den Film und Andreas Dresen diskutiert. Als ich sagte, dass ich mich mit Dresens Erzählstrategie ein Hühnchen zu rupfen habe, sagte die Freundin: „Welche Strategie? So ist es doch einfach.“  Eben genau das war mein Problem, dieser Gestus des „so ist es“, dieses Gefühl, dass Dresen einem immer wieder vermittelt, dass er im Prinzip von Freunden erzählt oder von der Familie gegenüber, von Leuten, die man kennt oder kennen könnte. Natürlich ist das auch eine Strategie, noch dazu eine, die einen, wenn man sich nicht komplett verweigert, tief reinzieht ins Geschehen, die einem keinen Fluchtweg lässt, keinen Raum für Dissenz, Spiel, Irrsinn, Künstlichkeit.

Um all das, vor allem aber um Spiel und Irrsinn, geht es dagegen in ALS WIR TRÄUMTEN. Nach dem Bestseller von Clemens Mayer erzählt Dresen von einer Jungen-Jugend-Clique, die im Leipzig der Nachwendezeit austickt. Der Erzähler Dani ist mehr so der stille und zarte Typ, Rico ist der Draufgänger, der alle antreibt und dessen Kraft daraus erwächst, dass er tatsächlich kaum Angst hat und keine Grenzen kennt, Mark ist immer mit dabei und kommt von den Drogen nicht mehr runter, Paul, die schwächste Figur des Films, trägt Brille und kauft als erstes West-Porno-Hefte, und Pitbull ist ein bisschen schlicht. Die Gang hängt rum, schleppt Kohlen für die Oma im Hinterhaus und beklaut sie, gründet einen Club und schlägt sich mit Neonazis. Vor allem aber wird gesoffen und eingeworfen, was das Zeug hält. Endlos torkeln die vier durch die Straßen, rasen mit geklauten Autos durch die Nacht und zerschlagen Sachen, angetrieben von irgendetwas, dass sich wie Spaß an der neuen Freiheit und Panik vor der großen Sinnlosigkeit des neuen unbekannten Lebens anfühlt.

als-wir-traeumten_stills_03_5885.b66240cbDresen inszeniert den kompletten zweistündigen Film als eine Art Erinnerungsrausch. Es beginnt in einem kaputten Kino. Dani sucht dort nach Mark, der unsichtbar als Drogenwrack in einer Ecke hockt. Die wilde Zeit ist da schon fast vorbei und läuft nun in lose zusammenhängenden Episoden nun noch einmal ab. Die Episoden tragen knallbunte Überschriften wie „Straßenköter“ oder „Mord in Deutschland“, die Geschichten dazu sind schmutzig grau und betont hart. Dazwischen gibt es Rückblenden, die noch weiter zurückführen, in eine sozialistische Kindheit, die von staatlichen Erziehungs-Idiotien erzählt und dabei so knallbunt-sonnig ist wie die TRUMAN SHOW.

So weit, so bunt, so gut überlegt und mit Spaß inszeniert. Irgendwie funktioniert das aber leider alles nicht ganz so spektakulär wie das der Fall sein könnte. Vielleicht, weil „Rausch“ von anderen, etwas rauschhafteren Regisseuren (Darren Aronofsky, Gaspar Noé) schon ganz anders inszeniert wurde und Dresens Rauschverständnis im Vergleich dazu eher brav erscheint. Vor allem aber, weil etwas fehlt, das Dresen ansonsten doch so ausgezeichnet kann: Nähe zu den Figuren. Die Gefühle, Motivationen und Beziehungen untereinander bleiben gerade bei Erzähler Dani – im Gegensatz zu Mark und Pitbull, den beiden faszinierendsten Nebenfiguren – seltsam blass. Bei den wenigen, schablonenhaften Frauenfiguren, die im Film auftauchen, fehlen sie völlig. Und das bei einem Regisseur, der so wunderbare Frauen, wie Ellen Kukowski (Steffi Kühnert) in HALBE TREPPE erfunden hat.

Hendrike Bake

 

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