Werner Herzogs QUEEN OF THE DESERT und Andrew Haighs 45 YEARS

201510428_2Werner Herzogs QUEEN OF THE war dann ein durchwachsenes Vergnügen. Die erste Hälfte schildert eine Romanze der Britin Gertrud Bell (Nicole Kidman) mit einem Angestellten der britischen Botschaft (James Franco), und Werner Herzog inszeniert das , als wollte er die Kitschorgien eines Douglas-Sirk-Melodrams der 50er Jahre toppen, was zur Folge hat, dass alle Stellen, die nicht lustig gemeint sind, sehr komisch wirken. Blickt die Kamera melancholisch aus Fenstern, reicht kein Reh im Vordergrund, es muss mindestens noch ein todestrunkener Schwan das Köpfchen ins heiligvernebelte Wasser Albions tunken. Vorhänge rauschen, arabische Weisen donnern über mächtigen europäischen Mollakkorden, Felswände drohen, Wasserbecken sind mit Rosenblättern bestäubt, zerbrochene Münzen symbolisieren die getrennten Geliebten. Kidman und Franco wirken, als wäre es ihnen nicht leicht gefallen, ernst zu bleiben. Herzogs Witze sind dagegen schlicht wie eh und je. Eine junge Frau, die Kidman gerade einmal bis zur Brust reicht, um anzuzeigen, dass sie ihr in keinster Weise das Wasser reichen kann, weint über ihren Liebeskummer. Der englische Offiziersvater blafft: „Soll sie doch heulen, dann muss sie nicht so viel pissen.“ Schenkelklopfen allerseits. Nach einer gefühlten Dreiviertelstunde ist Gertrud Bells Liebhaber tot, und der Film geht irgendwie weiter. Gertrud geht in die Wüste und begegnet Beduinenfürsten, die reihenweise allein von ihrem Anblick so beeindruckt sind, dass sie ihr dankbar Königreiche zu Füßen legen würden, wären sie nicht gerade damit beschäftigt, Falken zu streicheln. Allein, es passiert nicht wirklich etwas. Herzog predigt seine inzwischen durch College-Studenten zum Internet-Mem gewordenen Lebensweisheiten: Du musst tun, was du tun musst, der große Mensch ist nur sich allein gegenüber verantwortlich, usw. QUEEN OF THE DESERT ist ein Stück bunter Lifestyle-Exotismus, „Landliebe-TV“ plus Wüstenkitsch für Individualtouristen.

201506056_1

Andrew Haighs Film 45 YEARS ist eine moderne Version von Johan Peter Hebels Geschichte „Unverhofftes Wiedersehen“, nach einer Story des britischen Kleist- und Hölderlin-Übersetzers David Constantine, der sich in deutscher Literatur . Kate (Charlotte Rampling) und Geoff (Tom Courtenay) bereiten ihren 45. Hochzeitstag vor. Kate denkt über die Musikauswahl nach, als Geoff einen Brief aus der Schweiz erhält. Nach 50 Jahren ist Geoffs deutsche Verlobte/Freundin Katya, die bei einer Bergtour in eine Felsspalte über einem Gletscher gestürzt war, im Eis eingefroren gefunden worden. Diese Geschichte einer Zeitkapsel nutzt als Ausgangspunkt, um präzise und zurückhaltend die Abgründe zu erkunden, die sich in der Folge zwischen Kate und Geoff auftun. Rampling und Courtenay sind unglaublich genaue und kontrollierte Schauspieler. Haigh setzt sie in unspektaluräre, aber extrem präzise Bildkompositionen, deren verregnete Atmosphäre die psychologische Entwicklung ebenso unterstreichen, wie die ausschließlich diegetische Musik – ein Soundtrack aus Popsongs der frühen 60er Jahre, die von Rebellion und ewiger Liebe erzählen. Kate wirkt von der Nachricht verstört, scheinbar verstörter als Geoff, der beginnt, von Katya zu erzählen. Geoffs Erzählungen gipfeln in einem verträumten Räsonieren über den Mangel in seinem Leben: der Glaube daran, ein Ziel zu haben, Entscheidungen zu treffen, obgleich man sich nur treiben lässt.

Kate will nichts mehr hören und es doch genauer wissen. War sie selbst für Geoff nur ein Ersatz für Katya, die dunkles Haar hatte wie sie, früher? Geoff wirkt immer aufgescheuchter, nach einem Essen mit alten Kollegen verflucht er deren Bürgerlichkeit und übergibt sich am Straßenrand. Kate beginnt ihm nachzuspionieren und findet mehr über dessen Beziehung zu Katya heraus, als sie ertragen kann. Das Fest zum Hochzeitstag steht bevor.

45 YEARS ist ein hinreißend inszenierter Film über Jugend und Alter, über Zweifel und Treue, verpasste Chancen, Vertrauensbrüche und Wiedergutmachungsversuche, über Coolness und Enttäuschung, Versuche, die Kontrolle zu behalten und Gesten, die jeden Kontrollversuch Lügen strafen. Ein melancholischer, verliebter und wütender Film, wundervoll.

Tom Dorow

Share This: