Guy Maddins THE FORBIDDEN ROOM

201503086_2Guy Maddins Film THE FORBIDDEN ROOM beginnt mit einem Bibelzitat: „When they were filled, he said unto his disciples, Gather up the fragments that remain, that nothing be lost. “ John 6, 12 („Als die Menge satt war, sagte er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrig gebliebenen Brotstücke, damit nichts verdirbt.“) Die Fragmente, die übriggeblieben sind, hat Maddin ebenfalls aufgesammelt. THE FORBIDDEN ROOM sammelt die plots von verlorenen Filmen und verbindet sie zu einer Art Babouschka-Geschichte: einem Plot im Plot im Plot usw.

Alles beginnt mit einem Bad. Der Film HOW TO TAKE A BATH des Regisseurs Dwain Esper, der Maddin zufolge auch der Verleiher von Todd Brownings FREAKS und des legendären Kifferfilms REEFER MADNESS, ist verschollen. Epser drehte in den 30er Jahren einige als Ratgeber verkleidete Exploitation-Filme, unter anderem HOW TO UNDRESS IN FRONT OF YOUR HUSBAND.  Auch  HOW TO TAKE A BATH war wohl vor allem ein Vehikel um nackte Frauen zeigen zu können, nahm sich der Dichter John Ashberry vor und schrieb das Drehbuch zum ersten und letzten Segment von Maddins Film, in dem ein sehr unordentlich gekleideter Herr großspurige und sehr komische Anleitungen zum Baden gibt, während ein anderer Herr badet. Aus der Badewanne geht es in ein U-Boot, das zu explodieren droht, wenn es versuchen sollte, an die Oberfläche zu gelangen. Zudem ist der Captain verschwunden, vielleicht will er aber nur nicht gestört werden. Vorsichtig tasten sich die Unterseemänner durch die Segmente der Röhre, wobei sie einem Holzfäller begegnen, der auf der Suche nach der schönen Margot ist, die von der Bande der roten Wölfe gekidnappet wurde, möglicherweise aber auch mit diesen unter einer Decke steckt, wie der Holzfäller herausfindet, als er in ihre Höhle eindringt. Margot schickt ihn nämlich auf eine gefährliche Reise, bei der sich ihm ein Mann, der in die Luft blickt, ein Mann mit Steinen an den Füßen und ein Mann, der dem Flüstern des Schnees lauscht, anschließen. Der Schnee erzählt ebendiesem Mann die Geschichte einer Anwältin, die über einer Vulkaninsel abstürzt und eine junge Frau rettet, die als Opfer für den Vulkan vorgesehen ist. Diese wiederum träumt von Bananenvampiren, die einer an Amnesie leidenden Nachtclubsängerin von einem seltsamen Verhältnis zwischen einem Mann, der den Hochzeitstag seiner Frau vergessen hat, und seinem treuen Diener erzählen. Zwischendurch gibt es noch ein Intermezzo mit einer Musiknummer der fast vergessenen 70er-Jahre Kultband „Sparks“, die einen hübschen Song singt, in dem es um einen Mann geht, der von Hintern besessen ist („The Final Derrière“). Irgendwie gelangt auch alles wieder – auf dem Umweg über das „Buch der Höhepunkte“, in dem zahlreiche Dinge explodieren, Paare sich küssen und den Sonnenuntergang hinter einer Insel, die nur aus einem riesigen Gehirn besteht, betrachten – zurück in die Badewanne.

201503086_1Dass Maddins irrwitziges Projekt nicht an allen Ecken auseinanderfliegt, sondern tatsächlich erstaunlich unterhaltsam erscheint, liegt – neben den geschickt plazierten Witzen – an seinen stilistischen Entscheidungen, vor allem in Bezug auf Farbe und Musik. Teile des Film erinnern an das erste Technicolor-Verfahren, das aus zwei Schwarzweiss-Filmen bestand, die jeweils rot und grün eingefärbt wurden. Andere sehen aus wie viragierte Stummfilme, moderne Technicolor-Varianten. Farbübergänge und –kontraste verbinden und trennen die Segmente und führen durch die labyrinthischen Erzählungen, wie die leitmotivisch eingesetzte Musik – Loops aus verschiedenen klassischen Stücken, ein paar Takte Schönberg-Loop hier, ein Wagner-Loop da, je nach melodramatischem Bedarf.

Geht es in THE FORBIDDEN ROOM um etwas außerhalb der Bilder- und Geschichtenproduktion als komisch-melodramatischen Rausch? Maddins Filme erinnern manchmal an die Suche des Hamburger Kunsthistorikers Aby Warburg nach der Pathosformel in der Kunst, universelle Ausdrucksformen archetypischer Regungen. THE FORBIDDEN ROOM ist ein Kaleidoskop des Genrekinos mit seinen Heldenreisen, seinen verschwundenen Frauen, gefährlichen Verwandlungen, mythischen Reisegefährten, genialen und perversen Ärzten, magischen Auferstehungen und seiner ambivalenten Erotik. Einen Punkt macht der Film nicht, aber einen sehr großen Kreis. Maddin nimmt ein Bad im Unbewussten des Kinos, in dem sich all diese großen Gesten breitmachen, und bittet darum, sich ordentlich damit abzuseifen. THE FORBIDDEN ROOM hilft mindestens, das was bei der Berlinale gezeigt wird, in eine gewisse Perspektive zu rücken. An wie viele der 600 Filme wird man sich in hundert Jahren noch erinnern? Eher an die Nordpolforscherin oder an den Jungen, der Steine nach dem Mond wirft? Und: spielt es eine Rolle? Zunächst ist THE FORBIDDEN ROOM eine große Hymne an das rauschhafte Fabulieren des Kinos und an seine verlorenen Filme, die die keiner mehr sehen will, wenn das Spektakel weiter gezogen ist.

Tom Dorow

Share This: