Der beste Film der Berlinale: ÜBER DIE JAHRE

Gestern habe ich den besten Film der Berlinale gesehen: ÜBER DIE JAHRE von Nikolaus Geyrhalter ist 3 1/2 Stunden lang, gnadenlos langsam und keine Sekunde langweilig. Nachdem sehr gemächliche Titel einen sanft auf ein anderes Zeituniversum vorbereitet haben, taucht man ein in die Welt einer Textilfabrik, die so und zwar exakt so schon vor 50 oder sogar 70 Jahren betrieben worden sein könnte. Einsame Arbeiter verschieben in riesigen, schäbigen Hallen, in denen einst Hunderte gearbeitet haben, große Walzen mit Stoff, bespannen Webstühle in Handarbeit, verpacken einzelne Stoffwindeln und kleben jedes einzelne Päckchen mit Tesafilm zu. In der Buchhaltung überträgt eine Frau Zahlen per Hand und Linial von einer Liste in die andere. Kein Computer weit und breit. Man wundert sich, dass im Jahr 2004 eine solche, wie aus der Zeit gefallene Firma überhaupt noch existiert. Sie tut es auch nicht lange, die Schließung der Textilfabrik im österreichischen Waldstätten steht unmittelbar bevor. Zehn Jahre lang hat Nikolaus Geyrhalter die Angestellten der Firma nach der Schließung immer wieder besucht. Hat sie nach ihren Lebensumständen befragt, nach ihren mehr und weniger erfolgreichen Versuchen, einen neuen Job zu finden und danach, wie sie ihren Tag füllen. Ganz einfache Fragen. Waren die letzten Jahre eine gute oder eine schlechte Zeit für Dich? Wie sieht ein ganz normaler Tag für dich aus? Die Antworten sind immer interessant, oft rührend, manchmal lustig, meist von einer entwaffnenden Nüchternheit. Ich stehe auf, gehe zur Arbeit, um zwei Uhr ist Schluss, dann Fernsehen.

Geyrhalter sucht nicht nach dem Außergewöhnlichen oder dem Drama, auch wenn auch das im Leben seiner Protagonistinnen und Protagonisten vorkommt, stattdessen erzählt sein Film vom Alltag, von Wiederholungen des Immergleichen, die am Ende ein Leben genauso ausmachen wie die großen Zäsuren. Die Zeit vergeht weiter solange man lebendig ist. Umstände ändern sich, vieles bleibt. Arbeitslosigkeit ist nicht das Ende, sondern eher eine Delle im Lauf des Lebens. Einige der Textilarbeiter finden einen neuen Job, andere kümmern sich um Enkel oder Eltern. Eine Frau zieht die lernbehinderten Kinder ihres Sohnes groß. Als das Geld zu knapp wird, sammelt ihr Sohn Blechdosen aus Mülltonnen für den Altmetallhändler. Eine andere Frau beginnt, Tupperparties zu veranstalten, bevor sie, wie so viele in der Gegend, einen Job im Steinbruch bekommt. Der Herr Semper sortiert seine 800 CDs nach Titel und Autoren. Die Zähigkeit, mit der sich die Protagonisten behaupten, ringt einem Bewunderung ab. Sie halten ihr Leben und das anderer Leute zusammen, schaffen sich Routinen und suchen sich Aufgaben und sind eigentlich, ob angestellt oder nicht, alle Arbeitende, Tätige. Im Publikumsgespräch nach dem Film hat jemand von ÜBER DIE JAHRE als einem „Schatz“ gesprochen. Das trifft es ganz gut. Die lange Zeit die Geyhalter sich für sein Projekt genommen hat, die Geduld und die Liebe zu seinen Protagonisten ist in das Filmmaterial eingeschlossen, wie eine Fliege in einen Bernstein.

Hendrike Bake

Share This:

Ratlos im Forum: H.

Die eine Frau ist um die 60 und kümmert sich liebevoll um eine „Reborn“-Babypuppe, eine täuschend echte Nachbildung einer Babys, die sie wickelt, füttert und mit in den Supermarkt nimmt. Ihr Mann ist unterstützend, liebevoll, aber seinem besten Freund erzählt er, dass er schon einmal von ihrem Tod fantasiert hat. Eine andere Frau, eine Künstlerin, die mit ihrem Freund zusammen verstörende Fotoserien macht, ist schwanger. Dann ist beim Ultraschall auf einmal nichts mehr zu sehen. Ein Meteorit rast vorbei. Die Wolken haben ulkige Formen. Menschen fallen ins Wachkoma. Ein schwarzes Pferd steht auf der Staße im schneeweißen Winterwald. Der Kopf einer Statue treibt vorbei mehrmals. In H. dräut der Untergang. Er tut es nicht schlecht, aber auch nicht richtig packend. Die Bilder sind traurig grau verwaschen. Zu wenig Licht? Absicht? Das Drama ist ebenfalls im Wachkoma. Ist das Film, ist das Kunst? Es ist Forum. hb

Share This:

Berlinale ohne S-Bahn

Foto 2

Share This:

Berlinale Special – SELMA

SELMASELMA ist ein Film mit größerem gesellschaftlichem Gewicht als nahezu alle anderen Produktionen des letzten Jahres. Ein Martin-Luther-King-Biopic ist natürlich auch ein Ausdruck des Selbstverständnisses der afroamerikanischen Community und ein Aufruf an weiße Amerikaner, die Forderungen der schwarzen Amerikaner zu hören und sich zu solidarisieren. SELMA ist nicht nur Unterhaltung, sondern ein Filmprojekt, das direkt darauf abzielt, in den Bildungskanon aufgenommen zu werden. SELMA ist also mehr als ein Biopic. SELMA erzählt von einer der gewalttätigsten Episoden der gewaltlosen schwarzen Bürgerrechtsbewegung und sucht nach Gründen für die beinahe übermenschliche Widerstandskraft seiner Protagonisten. Der Film beginnt mit der Verleihung des Friedensnobelpreises an Martin Luther King 1964. In Kings Nobelpreisrede wird eine Szene des Bombenattentats auf die 13th Street Baptist Church in Birmingham, Alabama, ein Jahr zuvor, eingeblendet. Mädchen in Sonntagskleidern steigen eine Treppe in der Kirche herunter und unterhalten sich über Frisuren, als die Bombe sie zerfetzt. Staub, Schutt und Leichen bleiben zurück. Im Umfeld fast jeder Demonstration der Bürgerrechtler kommen Unterstützer ums Leben, Demonstranten werden geschlagen und erschossen. Die Täter kommen immer ungeschoren davon, weil nur registrierte Wähler in den Jurys der Gerichte sitzen dürfen. Die Demonstrationen richten sich gerade gegen die Hindernisse, die schwarzen Bürgern in den Weg gestellt werden, wenn sie sich zur Wahl registrieren lassen müssen.

SELMASELMA zeigt wie es King gelingen konnte, die Bewegung auch angesichts solch massiver, mörderischer Angriffe gewaltfrei zu halten. Einerseits sind die strategischen Gründe überzeugend: der Konflikt ist mit Waffengewalt nicht zu gewinnen. Emotionale Stärke gewinnt die Bürgerbewegung aber aus der Religion. SELMA betont nicht nur den tiefen Glauben Kings und seiner direkten Anhänger, sondern stellt auch heraus, dass seine ersten und wichtigsten weißen Verbündeten Kleriker waren. Ob das ein Fakt ist oder nicht, ist nicht entscheidend – offenbar wurde mit der Rolle Lyndon B. Johnsons in der Angelegenheit relativ frei umgegangen. Der Akzent auf den tiefen christlichen Glauben ist eine strategische Entscheidung des Films, der sich damit auch an die religiöse Rechte in den USA wendet und sie beim Schlafittchen packen will.

Natürlich setzt der Film Markierungen, die auf die gegenwärtigen Konflikte in den USA verweisen. Ein Rapsong am Ende enthält die Zeile „we march through Ferguson with our hands in the air“ und verweist auf die Erschießung des unbewaffneten Teenagers Michael Brown durch einen weißen Polizisten. Der rassistische Gouverneur von Alabama weigert sich, den schwarzen Bürgern das Wahlrecht in der Praxis zuzugestehen, mit dem Argument, dann würden sie als nächstes Weißen die Arbeit wegnehmen und dann irgendwann Geld ohne Arbeit verlangen. Da verbinden sich Rassismus mit Attacken gegen den Wohlfahrtsstaat im Sinne der Tea Party.

SELMA ist ein wichtiger Film, essentiell, wenn man den innenpolitischen Debatten in den USA und ihren kulturellen Hintergründen folgen will. Das Ausmaß der rassistischen Gewalt, das SELMA zeigt, ist immer noch schockierend, der Film bewegt. David Oyelewo besitzt eine solche Präsenz als Martin Luther King, dass man beinahe vergisst, dass der Film wegen eines Rechtsstreits keine Originalzitate und –reden von King enthält, und sich permanent mit Rephrasierungen um die berühmten Worte herummogeln muss. Ava Duvernay inszeniert mit Gespür für emotionales Timing, wobei der Film die kolossale Last, die auf ihm selbst und seinen Protagonisten ruht, nicht immer abschütteln kann. Das Verhängnis und die Trauer lasten auf jeder Einstellung. Vielleicht müssen sie das. In einer Debatte mit lokalen Aktivisten, die Demonstrationen in Selma für zu gefährlich halten, erklärt King, dass die Bewegung nur gewinnen könne, wenn sie auch die weißen Wohnzimmer erreiche, jeden Abend im Fernsehen. „That requires drama“, sagt King. Davon gibt es in SELMA reichlich.

Tom Dorow

Share This:

Obszöner Rhododendron: BLACK NARCISSUS

Ich versuche wenn möglich immer mindestens einen Besuch bei der Retrospektive und beim Kinder- und Jugendprogramm „Generation“ in mein jährliches Berlinale-Programm einzubauen, vor allem weil in beiden Sektionen die Spaßgarantie am zuverlässigsten ist. Und tatsächlich war BLACK NARCSISSUS (GB 1947, R: Michael Powell, Emeric Pressburger) heute eine reine Freude in Türkis- und Pinktönen, ein knallbunter Nonnen-Exotismus-Gothic, schockvoll mit Frauen am Rande des Nervenzusammebruchs. Deborah Kerr spielt zähneknirschend beherrscht die junge Sister Clodagh, die mit fünf Gefährtinnen einen Klosterableger im Himalaya aufbauen soll. Das Gemäuer, ein ehemals reich verzierter, nun schäbiger Mätressensitz an dem es ständig windig ist, ist hoch auf einem Felsen gelegen. Unterhalb liegt ein misstrauisches Dorf, oberhalb sitzt ein schweigsamer Guru in den Bergen. Die einzige Verbindung zur Zivilisation ist Mr. Dean (David Farrar), ein kaum bekleideter stattlicher Engländer der sich in der Fremde deutlich zu sehr gehen lässt. Die blendendweißen Nonnen werden von dem zugigen und lasziven neuen Wohnsitz und dem ungewohnten Klima regelrecht zerpflückt. In jeder Szene zerrt der immerwährende Wind an den Habits und an der Tonspur. Schwester Philippa pflanzt auf einmal Blumen statt Gemüse, Schwester Clodagh erinnert sich an eine alte Liebe und Schwester Ruth entbrennt in rasender Eifersucht. Als alles schon am Zerfallen ist, blühen Rhododendron und Mangnolien auf und obszönes Pink überflutet die Leinwand, quasi als Einleitung zum Gothik-Finale, das in der Verwandlung einer Nonne in ein Ungetüm, bzw. eine Frau gipfelt und im Abzug der Nonnen, bzw. der Engländer aus dem Subkontinent nach fehlgeschlagener Zivilisierungsmission endet. Dann setzt, irgendwie erleichtert, der Regen ein. So schön. Powell hat BLACK NARCISSUS als seinen erotischsten Film bezeichnet.

black-narcissus

black-narcissus1

le-narcisse-noir-black-narcissus-26-05-1947-3-g

blacknarcissus11

15

Hendrike Bake

Share This:

Als wir träumten

Nach HALT AUF FREIER STRECKE, Andreas Dresens schwer aushaltbarem Film über einen Familienvater (Milan Peschel), der die Diagnose „Hirntumor“ erhält und stirbt, habe ich mit einer Freundin über den Film und Andreas Dresen diskutiert. Als ich sagte, dass ich mich mit Dresens Erzählstrategie ein Hühnchen zu rupfen habe, sagte die Freundin: „Welche Strategie? So ist es doch einfach.“  Eben genau das war mein Problem, dieser Gestus des „so ist es“, dieses Gefühl, dass Dresen einem immer wieder vermittelt, dass er im Prinzip von Freunden erzählt oder von der Familie gegenüber, von Leuten, die man kennt oder kennen könnte. Natürlich ist das auch eine Strategie, noch dazu eine, die einen, wenn man sich nicht komplett verweigert, tief reinzieht ins Geschehen, die einem keinen Fluchtweg lässt, keinen Raum für Dissenz, Spiel, Irrsinn, Künstlichkeit.

Um all das, vor allem aber um Spiel und Irrsinn, geht es dagegen in ALS WIR TRÄUMTEN. Nach dem Bestseller von Clemens Mayer erzählt Dresen von einer Jungen-Jugend-Clique, die im Leipzig der Nachwendezeit austickt. Der Erzähler Dani ist mehr so der stille und zarte Typ, Rico ist der Draufgänger, der alle antreibt und dessen Kraft daraus erwächst, dass er tatsächlich kaum Angst hat und keine Grenzen kennt, Mark ist immer mit dabei und kommt von den Drogen nicht mehr runter, Paul, die schwächste Figur des Films, trägt Brille und kauft als erstes West-Porno-Hefte, und Pitbull ist ein bisschen schlicht. Die Gang hängt rum, schleppt Kohlen für die Oma im Hinterhaus und beklaut sie, gründet einen Club und schlägt sich mit Neonazis. Vor allem aber wird gesoffen und eingeworfen, was das Zeug hält. Endlos torkeln die vier durch die Straßen, rasen mit geklauten Autos durch die Nacht und zerschlagen Sachen, angetrieben von irgendetwas, dass sich wie Spaß an der neuen Freiheit und Panik vor der großen Sinnlosigkeit des neuen unbekannten Lebens anfühlt.

als-wir-traeumten_stills_03_5885.b66240cbDresen inszeniert den kompletten zweistündigen Film als eine Art Erinnerungsrausch. Es beginnt in einem kaputten Kino. Dani sucht dort nach Mark, der unsichtbar als Drogenwrack in einer Ecke hockt. Die wilde Zeit ist da schon fast vorbei und läuft nun in lose zusammenhängenden Episoden nun noch einmal ab. Die Episoden tragen knallbunte Überschriften wie „Straßenköter“ oder „Mord in Deutschland“, die Geschichten dazu sind schmutzig grau und betont hart. Dazwischen gibt es Rückblenden, die noch weiter zurückführen, in eine sozialistische Kindheit, die von staatlichen Erziehungs-Idiotien erzählt und dabei so knallbunt-sonnig ist wie die TRUMAN SHOW.

So weit, so bunt, so gut überlegt und mit Spaß inszeniert. Irgendwie funktioniert das aber leider alles nicht ganz so spektakulär wie das der Fall sein könnte. Vielleicht, weil „Rausch“ von anderen, etwas rauschhafteren Regisseuren (Darren Aronofsky, Gaspar Noé) schon ganz anders inszeniert wurde und Dresens Rauschverständnis im Vergleich dazu eher brav erscheint. Vor allem aber, weil etwas fehlt, das Dresen ansonsten doch so ausgezeichnet kann: Nähe zu den Figuren. Die Gefühle, Motivationen und Beziehungen untereinander bleiben gerade bei Erzähler Dani – im Gegensatz zu Mark und Pitbull, den beiden faszinierendsten Nebenfiguren – seltsam blass. Bei den wenigen, schablonenhaften Frauenfiguren, die im Film auftauchen, fehlen sie völlig. Und das bei einem Regisseur, der so wunderbare Frauen, wie Ellen Kukowski (Steffi Kühnert) in HALBE TREPPE erfunden hat.

Hendrike Bake

 

Share This:

Grounded – Daheim mit dem Forums-Programm

Die Erkältung hat gewonnen – zumindest heute. Der Verdacht auf Bindehautentzündung gab den Ausschlag, und das flaue Gefühl, dass sich bei der Vorstellung an überfüllte U-Bahnen, zugige Zwischenstopps, überheizte Kinos, das dauernde Festival-Grundtosen und vor allem Leute, Leute, Leute einstellte. Also habe ich, statt munter wie ein Filmreh durch den Filmwald zu hüpfen, ein paar schöne Stunden mit dem Forumskatalog verbracht und ALLE Texte von gelesen, auch den über 28 NIGHTS AND A POEM.

Dabei sind mir vor allem eine Reihe von Dokumentationen ins Auge gefallen: in EXOTICA, EROTICA, ETC montiert die Fotografin und Installationskünstlerin. Evangelia Kranioti Bilder von Containerschiffen, Häfen und Spelunken mit aus dem Off erzählten Monologen von Seeleuten und Prostituierten. Wenn der Film ist, wie ihre Bilder, dann ist er kühl und poetisch, sehnsüchtig und hart zugleich. Fotografie Evangelia Kranioti

Ebenfalls sehr stilisiert aber interessant klingt Janina Herhoffers Doku FREIE ZEITEN, die „Freizeitaktivitäten in der Gruppe“ von der Männer-Gesprächsgruppe bis zum Yoga-Kurs zeigt. jede Aktivität wird unkommentiert in einer fixen Einstellung gezeigt, was dazu einlädt die, Vorkommnisse wie fremde Rituale zu betrachten, ulkige Details und überraschende Ähnlichkeiten zu entdecken. In diesem sehr freundlichen Interview mit dem Deutschlandradio  erzählt Janine Herhoffer von der richtigen Kameraeinstellung und veränderten Freizeitkulturen. freie Zeiten

Um Arbeit oder die Frage, was kommt, wenn die Arbeit geht, geht es in LA SIRÈNE DE FASO FANI  von Michel K. Zongo und ÜBER DIE JAHRE von Nikolaus Geyrhalter. Michel K. Zongo besucht die Textilfabrik Faso Fani in seiner Heimatstadt Koudougou, der drittgrößten Stadt Burkina Fasos. Faso Fani wurde 2001 geschlossen. Zongo erzählt die Geschichte vom Auf- und Niedergang der Fabrik, besucht ehemalige Arbeiter und schaut genau hin, wo heute, umtriebig und gewitzt, wieder gewebt und gehandelt wird. Über zehn Jahre lang hat Nikolaus Geyrhalter, Regisseur der atmosphärischen Dokumentatio über Nachtarbeit, ABENDLAND, Arbeiter einer Textilfabrik im österreichischen Waldviertel seit der Schließung der Fabrik begleitet und dokumentiert, wie ihr Leben neue Routinen, Strukturen und Schwerpunkte bekommen hat.  ÜBER DIE JAHREhb

Share This:

Forum: CHAKI (The Gulls/Die Möwen)

201505604_3Die Freuden des Forums sind oft eher spröde, aber auch sprödes Vergnügen hat ja seinen Reiz. CHAIKI („Die Möwen“) ist ein Film aus Kalmückien, einer russischen autonomen Region am Kaspischen Meer, in der vor allem Mongolen leben. Die Regisseurin Ella Manzheeva erzählt von der Elza, Klavierlehrerin und Frau eines Fischers, der im Winter aufs Meer hinaus fährt um illegal zu fischen, verraten wird und nicht zurück kommt. Der Film beginnt damit, dass Elza ihre Sachen packt und zu einer Bushaltestelle geht, einem Betonplattending in der winterlichen Steppe, das mit Bildern wilder Pferde bemalt ist, und wie ein ironischer Kommentar auf mongolische Folkore wirkt. Der Bus fährt ohne sie, und in der nächsten Szene bereitet sie das Essen für ihren grobschlächtig wirkenden Mann in der beengt und dunkel wirkenden Küche zu. Fast den ganzen Film über ist keine Gefühlsregung in Elzas Gesicht zu erkennen, erst gegen Ende lächelt sie einmal. Die psychischen Zustände drückt allein die Kamera aus, die zunächst enge dunkle Räume, die kalte Weite der Landschaft, Fahrten durch das vernebelte Schilfdickicht beschreibt. Erst allmählich, und je mehr sich Elza von Zwängen befreit, wird eine prächtige Farbdramaturgie erkennbar. Die Kamera öffnet die Räume, auch in Elzas Haus, das längst nicht so klein ist, wie es zunächst wirkte, und in dem jedes Zimmer in einer eigenen Farbe gestrichen ist. CHAIKI ist ein visuell hinreißend gestalteter Film über die Emanzipation einer Frau, der zugleich viel über die patriarchale Struktur der kalmückischen Gesellschaft erzählt.

Tom Dorow

Share This:

Werner Herzogs QUEEN OF THE DESERT und Andrew Haighs 45 YEARS

201510428_2Werner Herzogs QUEEN OF THE war dann ein durchwachsenes Vergnügen. Die erste Hälfte schildert eine Romanze der Britin Gertrud Bell (Nicole Kidman) mit einem Angestellten der britischen Botschaft (James Franco), und Werner Herzog inszeniert das , als wollte er die Kitschorgien eines Douglas-Sirk-Melodrams der 50er Jahre toppen, was zur Folge hat, dass alle Stellen, die nicht lustig gemeint sind, sehr komisch wirken. Blickt die Kamera melancholisch aus Fenstern, reicht kein Reh im Vordergrund, es muss mindestens noch ein todestrunkener Schwan das Köpfchen ins heiligvernebelte Wasser Albions tunken. Vorhänge rauschen, arabische Weisen donnern über mächtigen europäischen Mollakkorden, Felswände drohen, Wasserbecken sind mit Rosenblättern bestäubt, zerbrochene Münzen symbolisieren die getrennten Geliebten. Kidman und Franco wirken, als wäre es ihnen nicht leicht gefallen, ernst zu bleiben. Herzogs Witze sind dagegen schlicht wie eh und je. Eine junge Frau, die Kidman gerade einmal bis zur Brust reicht, um anzuzeigen, dass sie ihr in keinster Weise das Wasser reichen kann, weint über ihren Liebeskummer. Der englische Offiziersvater blafft: „Soll sie doch heulen, dann muss sie nicht so viel pissen.“ Schenkelklopfen allerseits. Nach einer gefühlten Dreiviertelstunde ist Gertrud Bells Liebhaber tot, und der Film geht irgendwie weiter. Gertrud geht in die Wüste und begegnet Beduinenfürsten, die reihenweise allein von ihrem Anblick so beeindruckt sind, dass sie ihr dankbar Königreiche zu Füßen legen würden, wären sie nicht gerade damit beschäftigt, Falken zu streicheln. Allein, es passiert nicht wirklich etwas. Herzog predigt seine inzwischen durch College-Studenten zum Internet-Mem gewordenen Lebensweisheiten: Du musst tun, was du tun musst, der große Mensch ist nur sich allein gegenüber verantwortlich, usw. QUEEN OF THE DESERT ist ein Stück bunter Lifestyle-Exotismus, „Landliebe-TV“ plus Wüstenkitsch für Individualtouristen.

201506056_1

Andrew Haighs Film 45 YEARS ist eine moderne Version von Johan Peter Hebels Geschichte „Unverhofftes Wiedersehen“, nach einer Story des britischen Kleist- und Hölderlin-Übersetzers David Constantine, der sich in deutscher Literatur . Kate (Charlotte Rampling) und Geoff (Tom Courtenay) bereiten ihren 45. Hochzeitstag vor. Kate denkt über die Musikauswahl nach, als Geoff einen Brief aus der Schweiz erhält. Nach 50 Jahren ist Geoffs deutsche Verlobte/Freundin Katya, die bei einer Bergtour in eine Felsspalte über einem Gletscher gestürzt war, im Eis eingefroren gefunden worden. Diese Geschichte einer Zeitkapsel nutzt als Ausgangspunkt, um präzise und zurückhaltend die Abgründe zu erkunden, die sich in der Folge zwischen Kate und Geoff auftun. Rampling und Courtenay sind unglaublich genaue und kontrollierte Schauspieler. Haigh setzt sie in unspektaluräre, aber extrem präzise Bildkompositionen, deren verregnete Atmosphäre die psychologische Entwicklung ebenso unterstreichen, wie die ausschließlich diegetische Musik – ein Soundtrack aus Popsongs der frühen 60er Jahre, die von Rebellion und ewiger Liebe erzählen. Kate wirkt von der Nachricht verstört, scheinbar verstörter als Geoff, der beginnt, von Katya zu erzählen. Geoffs Erzählungen gipfeln in einem verträumten Räsonieren über den Mangel in seinem Leben: der Glaube daran, ein Ziel zu haben, Entscheidungen zu treffen, obgleich man sich nur treiben lässt.

Kate will nichts mehr hören und es doch genauer wissen. War sie selbst für Geoff nur ein Ersatz für Katya, die dunkles Haar hatte wie sie, früher? Geoff wirkt immer aufgescheuchter, nach einem Essen mit alten Kollegen verflucht er deren Bürgerlichkeit und übergibt sich am Straßenrand. Kate beginnt ihm nachzuspionieren und findet mehr über dessen Beziehung zu Katya heraus, als sie ertragen kann. Das Fest zum Hochzeitstag steht bevor.

45 YEARS ist ein hinreißend inszenierter Film über Jugend und Alter, über Zweifel und Treue, verpasste Chancen, Vertrauensbrüche und Wiedergutmachungsversuche, über Coolness und Enttäuschung, Versuche, die Kontrolle zu behalten und Gesten, die jeden Kontrollversuch Lügen strafen. Ein melancholischer, verliebter und wütender Film, wundervoll.

Tom Dorow

Share This:

Guy Maddins THE FORBIDDEN ROOM

201503086_2Guy Maddins Film THE FORBIDDEN ROOM beginnt mit einem Bibelzitat: „When they were filled, he said unto his disciples, Gather up the fragments that remain, that nothing be lost. “ John 6, 12 („Als die Menge satt war, sagte er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrig gebliebenen Brotstücke, damit nichts verdirbt.“) Die Fragmente, die übriggeblieben sind, hat Maddin ebenfalls aufgesammelt. THE FORBIDDEN ROOM sammelt die plots von verlorenen Filmen und verbindet sie zu einer Art Babouschka-Geschichte: einem Plot im Plot im Plot usw.

Alles beginnt mit einem Bad. Der Film HOW TO TAKE A BATH des Regisseurs Dwain Esper, der Maddin zufolge auch der Verleiher von Todd Brownings FREAKS und des legendären Kifferfilms REEFER MADNESS, ist verschollen. Epser drehte in den 30er Jahren einige als Ratgeber verkleidete Exploitation-Filme, unter anderem HOW TO UNDRESS IN FRONT OF YOUR HUSBAND.  Auch  HOW TO TAKE A BATH war wohl vor allem ein Vehikel um nackte Frauen zeigen zu können, nahm sich der Dichter John Ashberry vor und schrieb das Drehbuch zum ersten und letzten Segment von Maddins Film, in dem ein sehr unordentlich gekleideter Herr großspurige und sehr komische Anleitungen zum Baden gibt, während ein anderer Herr badet. Aus der Badewanne geht es in ein U-Boot, das zu explodieren droht, wenn es versuchen sollte, an die Oberfläche zu gelangen. Zudem ist der Captain verschwunden, vielleicht will er aber nur nicht gestört werden. Vorsichtig tasten sich die Unterseemänner durch die Segmente der Röhre, wobei sie einem Holzfäller begegnen, der auf der Suche nach der schönen Margot ist, die von der Bande der roten Wölfe gekidnappet wurde, möglicherweise aber auch mit diesen unter einer Decke steckt, wie der Holzfäller herausfindet, als er in ihre Höhle eindringt. Margot schickt ihn nämlich auf eine gefährliche Reise, bei der sich ihm ein Mann, der in die Luft blickt, ein Mann mit Steinen an den Füßen und ein Mann, der dem Flüstern des Schnees lauscht, anschließen. Der Schnee erzählt ebendiesem Mann die Geschichte einer Anwältin, die über einer Vulkaninsel abstürzt und eine junge Frau rettet, die als Opfer für den Vulkan vorgesehen ist. Diese wiederum träumt von Bananenvampiren, die einer an Amnesie leidenden Nachtclubsängerin von einem seltsamen Verhältnis zwischen einem Mann, der den Hochzeitstag seiner Frau vergessen hat, und seinem treuen Diener erzählen. Zwischendurch gibt es noch ein Intermezzo mit einer Musiknummer der fast vergessenen 70er-Jahre Kultband „Sparks“, die einen hübschen Song singt, in dem es um einen Mann geht, der von Hintern besessen ist („The Final Derrière“). Irgendwie gelangt auch alles wieder – auf dem Umweg über das „Buch der Höhepunkte“, in dem zahlreiche Dinge explodieren, Paare sich küssen und den Sonnenuntergang hinter einer Insel, die nur aus einem riesigen Gehirn besteht, betrachten – zurück in die Badewanne.

201503086_1Dass Maddins irrwitziges Projekt nicht an allen Ecken auseinanderfliegt, sondern tatsächlich erstaunlich unterhaltsam erscheint, liegt – neben den geschickt plazierten Witzen – an seinen stilistischen Entscheidungen, vor allem in Bezug auf Farbe und Musik. Teile des Film erinnern an das erste Technicolor-Verfahren, das aus zwei Schwarzweiss-Filmen bestand, die jeweils rot und grün eingefärbt wurden. Andere sehen aus wie viragierte Stummfilme, moderne Technicolor-Varianten. Farbübergänge und –kontraste verbinden und trennen die Segmente und führen durch die labyrinthischen Erzählungen, wie die leitmotivisch eingesetzte Musik – Loops aus verschiedenen klassischen Stücken, ein paar Takte Schönberg-Loop hier, ein Wagner-Loop da, je nach melodramatischem Bedarf.

Geht es in THE FORBIDDEN ROOM um etwas außerhalb der Bilder- und Geschichtenproduktion als komisch-melodramatischen Rausch? Maddins Filme erinnern manchmal an die Suche des Hamburger Kunsthistorikers Aby Warburg nach der Pathosformel in der Kunst, universelle Ausdrucksformen archetypischer Regungen. THE FORBIDDEN ROOM ist ein Kaleidoskop des Genrekinos mit seinen Heldenreisen, seinen verschwundenen Frauen, gefährlichen Verwandlungen, mythischen Reisegefährten, genialen und perversen Ärzten, magischen Auferstehungen und seiner ambivalenten Erotik. Einen Punkt macht der Film nicht, aber einen sehr großen Kreis. Maddin nimmt ein Bad im Unbewussten des Kinos, in dem sich all diese großen Gesten breitmachen, und bittet darum, sich ordentlich damit abzuseifen. THE FORBIDDEN ROOM hilft mindestens, das was bei der Berlinale gezeigt wird, in eine gewisse Perspektive zu rücken. An wie viele der 600 Filme wird man sich in hundert Jahren noch erinnern? Eher an die Nordpolforscherin oder an den Jungen, der Steine nach dem Mond wirft? Und: spielt es eine Rolle? Zunächst ist THE FORBIDDEN ROOM eine große Hymne an das rauschhafte Fabulieren des Kinos und an seine verlorenen Filme, die die keiner mehr sehen will, wenn das Spektakel weiter gezogen ist.

Tom Dorow

Share This: